Heatmap

Der Igel kennt sich mit der Heatmap aus.An einem sonnigen Tag im Spätherbst beobachtete Finn, wie Charly, der Igel, sein Laubbett für die Winterruhe vorbereitete. Finn war erstaunt darüber, wie sorgsam die einzelnen Blätter geordnet und platziert wurden. Neugierig fragte er: „Wieso nimmst du es mit der Laub-Aufschichtung so genau? Reicht es nicht, wenn da ein ordentlicher Haufen Laub liegt, in den du dich kuscheln kannst?“ Der Igel sah von seiner Arbeit auf und erklärte: „Nein, Finn, das reicht nicht. Ich möchte, dass mein Schlafplatz sehr gut wärmeisoliert ist. Es soll möglichst keine Wärme von drinnen rauskommen. Um das zu testen, kommt heute Nachmittag ein Freund von mir mit seiner Wärmebildkamera vorbei. Dann lege ich mich probeweise in das Laubbett, er macht eine Aufnahme und auf dieser Heatmap können wir dann sehen, wo noch Wärme austritt. An den Stellen werde ich noch nacharbeiten.“
Finn war beeindruckt von so viel Akribie bei den Wintervorbereitungen, aber gleichzeitig auch aufgeregt, weil er den Begriff „Heatmap“ aus dem eCommerce-Umfeld kannte. „Sag mal, Charly“, sprach er deshalb, „ist dein Freund auch der, der Heatmaps von Online-Shops erstellt? Macht er das auch mit der Kamera?“
Der Igel grinste fröhlich und sagte: „Nein, damit hat mein Freund nichts zu tun. Und solche Heatmaps macht man auch nicht mit einer Wärmebildkamera. Willst du wissen, wie das funktioniert?“ Natürlich wollte Finn und war ganz Ohr, als der Igel zu erklären begann:
„Der Begriff ‚Heatmap‘ wird im eCommerce in der Usability-Optimierung benutzt. Da geht es nicht darum, wo Wärme verloren geht, sondern welche Bereiche einer Website besondere Aufmerksamkeit vom Nutzer erfahren. Die Bereiche, die ein Nutzer bei einer Web-Seite normalerweise wahrnimmt werden in der Heatmap als ‚heiß‘ gekennzeichnet.“
Langsam verstand Finn, was gemeint war: „Das heißt also, die Heatmap zeigt mir, welche Teile einer Seite eine hohe Aufmerksamkeit genießen und welche Teile tendenziell nicht wahrgenommen werden?“ – „Richtig“, bestätigte der Igel, „man kann mit Heatmaps zum Beispiel erklären, warum manche Bereiche nicht geklickt werden oder welche Informationen Internet-Nutzer nicht wahrnehmen und deshalb möglicherweise nicht beim Kauf berücksichtigen. Die Heatmap dient als Basis für Experimente der User-Experience-Profis.“
„Aber woher bekommt man denn so eine Heatmap?“, wollte Finn wissen. – „Perfekte Heatmaps lassen sich im Labor erstellen. Dort kann man mit einer Kamera die Augenbewegungen der Nutzern beobachten und auswerten“, erläuterte der Igel. „Das ist übrigens dieselbe Technik, mit der schon Anfang der 1980er Jahre untersucht wurde, welche Teile von Werbebriefen wirklich wahrgenommen werden.“
„Klingt, als wäre das Verfahren erprobt. Klingst aber auch teuer“, warf Finn ein. – „Nun ja, ganz billig ist es nicht, wenn man eine relevante Anzahl Probanden haben möchte“, stimmte der Igel zu. „Deshalb wird oft auf ein anderes Verfahren zurückgegriffen, bei dem statt der Augenbewegung die Bewegung des Mauszeigers aufgezeichnet werden. Wenn man das bei vielen Besuchern der Website macht, entsteht auch eine ziemlich gute und vergleichsweise günstige Heatmap. Darin sind dann die Bereich als ‚heiß‘ gekennzeichnet, die ganz viele Leute mit der Maus ‚besucht‘ haben. Und je weniger Nutzer mit dem Mauszeiger auf einen Bereich gegangen sind, desto ‚kälter‘ ist er.“ Soweit hatte Finn verstanden. Aber der Igel war noch nicht fertig. „Und weißt du, was das beste daran ist, Finn? Die Internetnutzer verhalten sich wirklich völlig authentisch – sie merken nämlich gar nicht, dass sie beobachtet werden.“ Finn war wie elektrisiert. „Aber das geht doch nicht!“, rief er empört. „Man die Leute doch nicht beobachten, ohne ihnen etwas davon zu sagen! Das darf man doch auch gar nicht!“ „Doch, darf man“, sagte der Igel. „Das kleine Programm, das die Mauszeigerdaten aufnimmt und auf dem Server speichert, sorgt dafür, dass die Daten keinem Nutzer zugeordnet werden können. Damit ist das aus Sicht des Datenschutzes völlig okay.“ – „Und wenn ein Shop-Betreiber dann so eine Heatmap hat, kann er darauf die Ansatzpunkte für die Optimierung der Seite sehen, oder?“, wollte Finn noch wissen. „Genau“, sagte der Igel, „er erkennt, wenn wichtige Informationen vom Nutzer nicht wahrgenommen werden und kann die Seite anpassen. Wenn er von der geänderte Seite dann wieder eine Heatmap macht, kann er beide vergleichen.“
Dank des Igels war Finn nun dem spannenden Treiben der User-Experience-Experten auf die Spur gekommen. „Sicher gibt es da noch mehr zu erfahren“, murmelte er, als er den Igel verließ, „aber damit beschäftige ich mich dann einandermal.“

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